Zuhause Nr. 2 - oder 1?



Zumindest: Bald gar nicht mehr, die neue Stadt und das neue Semester sind schon in Sichtweite.

Das erste Mal in meinem Leben erwäge ich ernsthaft eine Therapie. Ich wollte mich nie fremdbestimmen, mir nie sagen lassen, wie ich fühlen muss. Die Extreme machen mich doch aus. Das Lieben, das Hassen, das Beobachten und Feiern des Lebens, die Nüchternheit der Traurigkeit und die Lebendigkeit des Gedankenrasens. Und dennoch muss ich mich fragen: Sind es dann nicht meine Gefühle, die mich fremdbestimmen? Bin das wirklich ich, die da morgens manchmal überglücklich, manchmal wie narkotisiert, aufwacht - oder sind es unkontrolliert ausgeschüttete Botenstoffe? Was bedeutet es, wenn meine Gefühle eine Krankheit sind? Wer bin ich dann?

Ich könnte aufhören, mich unendlich schuldig zu fühlen, weil ich schon morgens mit einem drückenden Ziehen in der Brust aufwache, der Körper schmerzend wie nach einem Dauerlauf, unerholt, unfähig, zu sprechen, zu fühlen - irgendetwas zu fühlen außer schierer Verzweiflung - obwohl es doch Menschen gibt, die es so viel schwerer haben als ich; ich könnte aufhören, mich undankbar zu finden und für all das zu hassen, weil meine Eltern mir das Studium bezahlen und ich morgens weinend im Bett liege und es nicht aus dem Haus schaffe. Ich könnte aufhören zu denken, dass ich eine schlechte Tochter bin, mein Körper mich nur grundlos Dinge empfinden lässt und ich womöglich etwas daran ändern kann.

Gleichzeitig: Ich müsste mir eingestehen, dass alle lichten Momente der letzten Jahre keine Erfolge, sondern Manien waren. Dass alle Höhenflüge, das Weinen über die Schönheit des Lebens, die Worte, die ich dafür gefunden und die Bilder, die ich gesehen habe, die Euphorie, mit der ich durch die Tage fliegen konnte, auch nur eine Illusion waren. Die ganze Überpräsenz und Intensität des Lebens wie durch ein Vergrößerungsglas zu empfinden, völlig ungefiltert und überflutend, gleichzeitig die Schaffenskraft, das Gefühl, wie immer weniger Schlaf und Essen immer weiter und weiter beflügeln - all das müsste ich hergeben und ich weiß doch gar nicht, was dann noch übrig bleibt von mir.
27.9.15 05:17
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Colazero (28.9.15 05:23)
Ich kann das so gut nachempfinden....

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